Sonnabend/Sonntag, 30./31. Dezember 2006, Märker Nr. 52

Meyenburg: Museum zeigt Mode des 20. Jahrhunderts /
Josefine Edle von Krepl sammelt seit 49 Jahren besondere Exponate

Kleider, die Geschichten erzählen

von Marcus Gansewig

Beschaulich geht es am Wochenende im Prignitzer Meyenburg zu. Die Straßen sind leer, nur vereinzelt lassen sich Spaziergänger oder Radfahrer sehen. Im Park des örtlichen Schlosses spielt eine Handvoll Kinder auf der Festwiese Fußball. Ganz klar: Der Sonntag hat die Kleinstadt, wie jede andere auch in Deutschland, voll im Griff. Und doch unterscheidet sich Meyenburg von ihnen. Denn in dem Schloss, das vor kurzem von Grund auf saniert wurde, hat die Berliner Modedesignerin und Journalistin Josefine Edle von Krepl ein Modemuseum aus dem Boden gestampft.
Nun ja, ganz so ists nun doch nicht. Schließlich trägt die geborene Fürstenwalderin sich schon seit Jahrzehnten mit der Idee einer solchen Einrichtung herum. „Seit 49 Jahren sammele ich Kleider“, erklärt sie. Und fast so lange lässt sie der Gedanke an ein Modemuseum nicht mehr los. „Ich war mir immer sicher, dass ich irgendwann solch ein Museum bekommen werde.“
Dass es nun in Meyenburg steht, ist reiner Zufall, wie von Krepl zu berichten weiß. „Das Schloss wurde mit Fördermitteln saniert. Eine Bedingung für die Mittel war, dass es einen Nutzer für die Räume gibt.“ Irgendwie hatte das Kulturamt Perleberg von den Plänen der Berlinerin gehört und nahm Kontakt auf. „Ich bin dann hergekommen und hab ihnen meine Konzeption vorgestellt.“ Und die muss überzeugend gewesen sein, denn bald darauf konnte von Krepl mit den Vorbereitungen für ihr Museum beginnen.
Weil das Schloss nur nach und nach fertig gestellt wurde, war es nicht einfach, den Museumsbetrieb in Gang zu setzen. Doch auch dafür fand Josefine Edle von Krepl einen Weg: „In den bereits fertigen Räumen habe ich Sonderausstellungen gezeigt.“ Das war für sie nichts Neues, schließlich hatte sie schon in der Vergangenheit an zahlreichen Orten Teile ihrer 3 000 Exponate umfassenden Kleidersammlung ausgestellt. Vor einem halben Jahr war es dann soweit. Auf zwei Etagen und etwa 1000 Quadratmetern zeigt die Modeliebhaberin einen Teil ihrer Sammlung, die sich auf das 20. Jahrhundert konzentriert. Nach Jahrzehnten unterteilt, kann die Entwicklung der Damenkleider vom Kaiserreich bis in die achtziger Jahre mitverfolgt werden. Um die Stimmung der jeweiligen Zeit noch besser einzufangen, ist in den Räumen ein leiser Hauch der damals aktuellen Musik zu vernehmen. Außerdem bestimmen kleine Gebrauchsgegenstände, Fotos und Möbel jener Tage das Bild zwischen den Kleidern. „Das ganze Drumherum in den historischen Räumen macht die Ausstellung zu etwas Einzigartigem. Der Besucher taucht hier in die Atmosphäre des Jahrzehnts“, ist sich die Museumsleiterin sicher.
Etwas Besonderes ist sie auf jeden Fall, gibt es doch nur wenige Museen in Deutschland, die sich dem Thema Mode widmen. Die Frage, ob sie sich von diesen Ideen für ihr Museum abgeschaut hat, verneint von Krepl, um kurz darauf aber einzuschränken: „Ich hab die Sachen im Kopf gehalten, die ich nicht machen will.“
Im Kopf hat sie noch eine weitere Besonderheit der Sammlung. Denn all ihre Kleider wurden, im Gegensatz zum Großteil anderer Museen, irgendwann einmal im Alltag getragen. „Meine Kleider haben alle gelebt und können Geschichten erzählen. Die Berlinerin hat zugehört und trägt auf mancher Führung die kleinen und großen Geschichten der Exponate an die Besucher weiter. Zu den meisten Kleidern hat sie eine Beziehung aufgebaut, einige hat sie selbst schon mal getragen. Besonders verbunden aber ist sie mit einem Hochzeitskleid, das im Raum für die 1920er und 1930er Jahre die Gäste empfängt. „In dem Kleid hat meine Mutter geheiratet.“
Einen anderen Schatz aus jener Zeit sucht man indes vergeblich. Das schwarze Satinkleid ihrer Großmutter, mit dem die Sammelleidenschaft begann, hütet Josefine Edle von Krepl in ihrem Büro. Damals wie heute ist sie von Schnitt und Stoff begeistert. Warum aber zeigt sie es dann nicht? „Das Kleid ist mir heilig.“
Nur selten bekommt die Berlinerin ihre Exponate geschenkt. Manchmal hat sie das Glück, wie bei den Kleidern von Oma und Mutter, meist jedoch kommen Mode und Accessoires auf anderen Wegen zu ihr. „Ich habe Dinge schon aus dem Müll geholt, vom Dachboden, aus Schränken von älteren Frauen oder von Haushaltsauflösungen und Flohmärkten.“ Stolz ist sie darauf. Sammler, die andere Sammlungen übernehmen, kann sie nicht verstehen.
Das Verständnis, ein Modemuseum zu eröffnen, fehlte nicht nur ihrer eigenen Familie. „Die haben mir einen Vogel gezeigt.“ Auch die Meyenburger waren anfangs mehr als skeptisch. „Die haben gedacht: ,Da kommt so eine Verrückte aus Berlin und macht und tut und will Kleider ausstellen.´ Das kann ich aber verstehen.“ Doch bereits während der Eröffnung kamen viele Einwohner zu ihr und zeigten sich angetan von der Ausstellung. Seitdem ist ein halbes Jahr vergangen und mehr und mehr Meyenburger zeigen Interesse an dem Museum. Auch wenn von Krepl zugeben muss. „Die meisten Besucher kommen immer noch aus Berlin oder Hamburg.“ Dabei handelt es sich, laut Josefine Edle von Krepl, allerdings nicht um eine homogene Kundenschar. „Es gibt keine bestimmte Klientel. Selbst Männer, die sonst nichts mit Mode zu tun haben und skeptisch in die Ausstellung gehen, kommen nachher strahlend wieder heraus.“ Jene aus der Region, die noch nicht bei ihr waren, will sie mit verschiedensten Veranstaltungen locken. „Etwa einmal im Monat organisieren wir Konzerte oder Lesungen in einer gemütlichen Atmosphäre.“
Noch ein weiterer Grund dürfte Interessierte ins Modemuseum locken: Einen Teil des Fundus können Besucher erwerben. „Von den Kleidern trenne ich mich nicht. Aber Accessoires, Schmuck und Hüte können hier im Entree gekauft werden.“

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